Am 18. Dezember 2025 ist in der Fachzeitschrift BMC Nursing unsere erste Publikation im Rahmen des COREtool-Projekts erschienen. Die systematische Literaturarbeit untersucht Selbsteinschätzungsinstrumente zur Messung von Katastrophenpflegekompetenzen bei Pflegefachpersonen. Ziel war es, ein Instrument zu identifizieren, das als Referenzstandard in Forschung, Lehre und Personalentwicklung dienen kann. Das Ergebnis der Untersuchung fällt jedoch ernüchternd aus: Keines der Instrumente kann derzeit uneingeschränkt empfohlen werden.
Hintergrund der Arbeit ist die wachsende Bedeutung der Rolle von Pflegefachpersonen im Katastrophenkontext. Die Zahl von Katastrophen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen übernehmen Pflegefachpersonen dabei eine zentrale Rolle im Katastrophenmanagement. Um ihre Kompetenzen gezielt fördern zu können, müssen diese jedoch valide erfasst werden. In der Praxis geschieht dies häufig mithilfe von Selbsteinschätzungsinstrumenten. Ob diese Instrumente wissenschaftlichen Qualitätsstandards genügen, wurde bislang jedoch nicht systematisch untersucht.
In einer systematischen Literaturrecherche wurden acht Instrumente aus unterschiedlichen Ländern, von Brasilien über den Iran, Saudi-Arabien, China und die Türkei bis nach Südkorea untersucht. Alle beziehen sich ausdrücklich auf das Rahmenwerk des International Council of Nurses (ICN) zu Katastrophenpflegekompetenzen . Doch trotz dieser gemeinsamen Referenz unterscheiden sich die Instrumente deutlich in ihrer psychometrischen Qualität.
Die Bewertung erfolgte anhand der wissenschaftlichen COSMIN-Standards . Diese prüfen zentrale Gütekriterien wie Validität, Reliabilität und Responsiveness, also ob ein Instrument misst, was es messen soll, wie zuverlässig es dies tut und ob es Veränderungen über die Zeit sensibel abbilden kann, sowie die Instrumentenentwicklung.
Besonders kritisch fällt die Bewertung der Validität aus. Die Inhaltsvalidität, also die Frage, ob die einzelnen Items den Kompetenzbereich vollständig, relevant und verständlich erfassen, ist lediglich für die DNCS aus dem Iran ausreichend belegt. Bei allen anderen Instrumenten bestehen Defizite hinsichtlich Relevanz, Vollständigkeit oder Verständlichkeit der Items. Die strukturelle Validität, also ob die innere Struktur eines Instruments die theoretisch angenommene Dimensionalität widerspiegelt, ist mit Ausnahme der DNCS , zu der entsprechende Angaben fehlen, grundsätzlich ausreichend nachgewiesen. Die Konstruktvalidität, bei der geprüft wird, ob die Ergebnisse mit theoretisch erwarteten Zusammenhängen übereinstimmen, wurde nur bei zwei Instrumenten untersucht, dem NCC-PHE aus China und dem DNPRCS aus Südkorea, beide mit ausreichendem Ergebnis. Die kulturübergreifende Validität, also die Vergleichbarkeit über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, wurde lediglich beim CDNMQ aus der Türkei analysiert und dabei als unzureichend bewertet.
Bei der Reliabilität zeigt sich ein etwas stabileres Bild: Mit Ausnahme des DNPRCS, für das entsprechende Daten fehlen, ist die Zuverlässigkeit der Instrumente insgesamt ausreichend belegt. Auch die interne Konsistenz, also die Frage, ob die einzelnen Items eines Instruments tatsächlich dasselbe zugrunde liegende Konstrukt messen, ist durchweg ausreichend.
Ein gravierendes Defizit zeigt sich jedoch bei der Responsiveness: Kein einziges der untersuchten Instrumente überprüfte, ob es Veränderungen über die Zeit, etwa nach Trainings- oder Fortbildungsmaßnahmen, valide erfassen kann. Gerade im Kontext von Katastrophenvorbereitung und Kompetenzentwicklung ist diese Eigenschaft jedoch von zentraler Bedeutung.
Die methodische Qualität der Entwicklungsprozesse ist insgesamt heterogen und häufig unzureichend dokumentiert. Zwar berufen sich alle Instrumente auf das Kompetenzrahmenwerk des ICN als theoretische Grundlage, doch erfolgte die strukturelle Umsetzung dieses Rahmens sehr unterschiedlich. Nur ein Instrument, das NDRCAR aus Brasilien, orientiert sich explizit an den acht Dimensionen des ICN-Rahmenwerks, andere strukturieren ihre Skalen entlang der Phasen des Katastrophenmanagementzyklus oder thematisch.
Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse, dass die Messung von Katastrophenpflegekompetenzen derzeit auf einer methodisch schwachen Grundlage steht. Für Forschung, Lehre und Praxis bedeutet dies, dass Aussagen zur Kompetenzentwicklung mit Vorsicht zu interpretieren sind. Wenn Kompetenzen im Katastrophenkontext evidenzbasiert gefördert werden sollen, braucht es ein Instrument, das wissenschaftlichen Qualitätsstandards genügt, international anschlussfähig ist und zugleich im Pflegealltag praktikabel eingesetzt werden kann. Die Entwicklung eines solchen Instruments ist daher nicht nur sinnvoll, sondern dringend erforderlich und ist deshalb Ziel des COREtool-Projekts.
